Gold 2021 zwischen Konjunkturhoffnungen und Inflationssorgen

Die Corona-Pandemie sorgte im vergangenen Jahr bekanntlich auch auf den Edelmetallmärkten für Turbulenzen. Zu Beginn der ersten Infektionswelle in Europa ging der Goldpreis von Ende Februar bis Mitte März 2020 zurück, da nicht wenige Fondsmanager und professionelle Vermögensverwalter ihre Bestände abbauen mussten. Sie generierten damit die in der Krise dringend benötigte Liquidität. Doch anschließend führte die Flucht vieler Anleger in das häufig als „sicheren Hafen“ bezeichnete Gold zu einem Preisanstieg von rund 43 Euro je Gramm Mitte März auf ein neues Allzeithoch von 56 Euro je Gramm Anfang August. Neben dem Konjunktureinbruch und der ungewissen Zukunft für die Wirtschaft spielten hierbei auch die umfassenden Reaktionen der Zentralbanken eine Rolle. Mit Leitzinssenkungen und Käufen von Staatsanleihen senkten sie das Renditeniveau auf dem Anleihemarkt, womit das zinslose Investment Gold noch attraktiver erschien. Seit dem Sommer 2020 hat der Goldpreis jedoch einen Teil seiner Zugewinne wieder abgegeben (siehe Grafik).

Wie sehen die Perspektiven für das Gold in den kommenden Monaten aus? Vermutlich werden nach wie vor die Corona-Pandemie und die hiermit zusammenhängenden Entwicklungen auf den Finanzmärkten entscheidend sein.

Das größte Risiko für die Weltwirtschaft ist weiterhin die Verbreitung einer potenziell ansteckenderen oder tödlicheren Mutation des Corona-Virus. Die Regierungen müssten in diesem Fall neue Lockdown-Maßnahmen verhängen, was wiederum die Unternehmen belasten würde. Aber angesichts von rückläufigen Neuinfektionen in den meisten Staaten, der jetzt auf der Nordhalbkugel anbrechenden wärmeren Jahreszeit und der fortschreitenden Impfungen, ist eine konjunkturelle Erholung das wahrscheinlichere Szenario. Beispielsweise prognostizierte der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem jüngsten Bericht für die USA ein üppiges reales Wirtschaftswachstum von 5,1 % in diesem Jahr, für die Eurozone von 4,2 % und für Deutschland von immerhin 3,5 %. In Frankreich, wo das Minus 2020 mit schätzungsweise 9,0 % überdurchschnittlich groß war, wäre demnach sogar mit einem hohen Wachstum von 5,5 % zu rechnen.

Für den Goldmarkt ergeben sich hieraus mehrere Konsequenzen. Vor dem Hintergrund einer Aufhellung der Perspektiven für die Unternehmen wird das Interesse am „sicheren Hafen“ Gold vermutlich zurückgehen. Die physische Nachfrage treuer Anhänger des Edelmetalls, beispielsweise nach Barren, dürfte zwar hoch bleiben. Aber viele bislang indirekt investierte Anleger könnten Vermögensumschichtungen vornehmen oder versuchen, die erreichten Buchgewinne durch Verkäufe zu realisieren. Dies zeigt eindrucksvoll die Entwicklung der mit physischem Gold besicherten börsengehandelten Wertpapiere, der sogenannten Gold-ETCs. Ihre Bestände stiegen nach Angaben des World Gold Councils, der Interessenvertretung der Minenbetreiber, von März bis Ende September 2020 um rund 725 Tonnen auf einen neuen Höchststand von etwa 3.450 Tonnen Gold an. Doch seither führten ETC-Verkäufe der Anleger zu einem Bestandsabbau um schätzungsweise 160 Tonnen. Noch deutlicher zeigt der seit Sommer 2020 rückläufige Goldpreis das teilweise nachlassende Interesse. Als die Vorstellung von Testergebnissen durch die Pharma-Unternehmen BioNTech und Pfizer im vergangenen November den Finanzmärkten plötzlich eine Impfstoff-Euphorie bescherte, verbilligte sich der Goldpreis an nur einem Tag um 2 Euro je Gramm.

Mit der Konjunkturerholung dürfte auch ein spürbarer Inflationsanstieg in den kommenden Monaten verbunden sein, der das Anlegerinteresse nach Gold zumindest phasenweise stützen dürfte. Die absehbar höhere Geldentwertung führte aber bereits in den letzten Wochen zu einem Renditeanstieg auf den internationalen Anleihemärkten. Dies ist wiederum negativ für das Edelmetall. Außerdem geht der Inflationsschub aufgrund des statistischen Basiseffektes gegen Ende dieses Jahres voraussichtlich wieder zurück. Hierzu trägt vermutlich auch die immer noch hohe Arbeitslosigkeit in den wichtigsten Volkswirtschaften bei, die nur geringen Lohndruck auf die Konsumentenpreise auslösen sollte.

Erfreulichere Zeiten dürften allerdings der Schmuckbranche bevorstehen, deren Goldbedarf 2020 nach Angaben des World Gold Councils um 34 % auf 1.411 Tonnen und damit auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten einbrach. Die Lockdown-Maßnahmen der letzten Monate führten in vielen Haushalten zu einer Art erzwungenem Sparen, da Möglichkeiten zum Geldausgeben nur eingeschränkt verfügbar waren. In den USA belaufen sich die angehäuften Mittel Schätzungen zufolge auf durchschnittlich 9 % eines verfügbaren Jahreseinkommens. Die Öffnung des Einzelhandels dürfte deshalb 2021 die Nachfrage nach Luxusartikeln wie Schmuck fördern.

Der in den kommenden Monaten voraussichtlich wieder zunehmende Flugverkehr dürfte übrigens zu wieder verbesserten Möglichkeiten für den Edelmetalltransport zwischen Förderern, Verarbeitern und dem Einzelhandel führen, so dass die letztes Jahr gestiegenen Prämien für Goldprodukte und Halbzeuge etwas zurückgehen könnten. Auch ein Anstieg des Aufkommens von Recyclinggold ist mit der Öffnung des Einzelhandels wahrscheinlich.

Dr. Thorsten Proettel

Weitere ausführliche Berichte zu Silber, Platin und Palladium finden Sie in der aktuellen Ausgabe „Fokus Edelmetall“.