Biolegierung? Alles rund um die Biokompatibilität von Legierungen

Biolegierung, Biokompatibilität, gesunde Zahnlegierung

In der Zahnmedizin kommen unterschiedlichste Werkstoffe zum Einsatz, sei es in Form einer Brücke, Krone, Stift oder Inlays. Dabei stellen sich die wenigsten Patienten die Frage, was sie nun wirklich im Mund haben. Das wichtigste ist doch, dass es nicht stört und günstig ist. Ist es denn tatsächlich so? Und falls später lokale Entzündungen auftreten oder andere Beschwerden? Inwieweit spielen die Biolegierungen heute eine Rolle? Und welche Argumente können Sie als Zahnarzt oder Zahntechniker Ihren Patienten an die Hand geben?


Übrigens mehr zu dentalen Werkstofftrends erfahren Sie im Interview mit Prof. Dr. Pospiech.    

Was bedeutet der Begriff „Biolegierung“?

Eine klare Definition von Biolegierung gibt es nicht. Denn der Begriff wurde vor gar nicht allzu langer Zeit aus Werbezwecken eingeführt, um die Nachfrage nach Dentallegierungen ohne Palladium, Kupfer und Silber zu steigern. Wenn allerdings nun Patienten mit dem Begriff „Biolegierung“ zum Zahnarzt kommen, meinen sie in der Regel eine Legierung, die frei von schädlichen Stoffen ist und die ihr Körper gut verträgt.

Nun muss an dieser Stelle gesagt werden, dass heutzutage alle zugelassenen Dentallegierungen mit der CE-Kennzeichnung frei von schädlichen Stoffen sind. Und man nicht pauschalisieren kann, welche Bestandteile nun die Patienten besser und welche schlechter vertragen.

Dennoch ist sehr wichtig, den Patienten in seiner Wahl der Legierung richtig zu beraten. Der wichtigste Punkt sollte dabei im Vordergrund stehen: Die Biokompatibilität.    

Wann ist also eine Dentallegierung biokompatibel?

Der Begriff Biokompatibilität bzw. Bioverträglichkeit leitet sich aus dem griechischen Wort „bios“ (= Leben) und dem lateinischen Wortstamm „comparo“ ab, was gleichstellen oder übereinkommen bedeutet. Das Wort beschreibt also ein Übereinkommen des Körpers mit einer ihm zugefügten Substanz. Diese Verträglichkeit ist kein passives Geschehen, sondern die Folge einer aktiven Auseinandersetzung zwischen dem Organismus und der eingefügten Fremdsubstanz. Es ist also ein Prozess, der zum „Übereinkommen der Verträglichkeit“ führt.

Bioinkompatibilität definiert hingegen die Unverträglichkeit einer Fremdsubstanz des Organismus. Als Abwehrreaktion reagiert der Körper mit einer Krankheit. Diese Krankheit kann sich lokal, am Ort des Eindringens der Fremdsubstanz oder, gemäß der Einheit des Organismus als Ganzes, als systemische Krankheit abspielen.

Die aktive Auseinandersetzung des Organismus mit dem Fremden wird an biologischen Mar-kern sichtbar, die an biochemischen Bestandteilen des Bluts oder an zellulären Reaktionen abzulesen sind. Das Ausmaß solcher Reaktionen hängt sowohl von der Qualität und der Quantität der verwendeten Medizinprodukte als auch von der individuellen Funktionsbereitschaft und der Funktionsfähigkeit des Körpers ab.

Folglich kann man festhalten, dass alle Dentallegierungen, auf die der Körper nicht mit Abwehrreaktion reagiert, biokompatibel sind.

Unterscheidet man aus didaktischen Gründen die Symptome der Bioverträglichkeit als „kalte“ Zeichen, weil sie keine Symptome von Krankheiten sind, von „heißen“, weil sie Krankheiten entsprechen, dann gibt es typische pathophysiologische und histopathologische Befunde von beiden Reaktionsformen, die eine Beurteilung der Verträglichkeit einer Fremdsubstanz zulassen.

„Kalte“ Reaktionen sind in diesem Sinne die Ausbildung von Narbengewebe um ein verankertes Metallgerüst oder das Auftreten von Riesenzellen um eine Fremdkonstruktion, zum Beispiel um Gefäßprothesen aus Kunststoff. „Heiße“ Reaktionen sind Gewebszerfall um den Fremdkörper, Nekrosen genannt, die Anhäufung von Entzündungszellen, die Freisetzung von Mediatoren, die eine Entzündung auslösen oder unterhalten und anderes mehr.

Für Zahnmetalle wurde eine Skala von pathohistologischen Reaktionen gegenüber Metallen aufgestellt, die von toxisch über sequestrierend bis träge reagierend reicht. Diese Einteilung beschreibt im hier bezeichneten Sinne den Übergang von heißer bis kalter Reaktion und zeigt, dass alle untersuchten Metalle als Fremdkörper nicht „inert“ sind, sondern „bioaktiv“. „Bioaktiv“ bedeutet, dass die Metalle das prozesshafte Geschehen, das wir Bioverträglichkeit beziehungsweise Biounverträglichkeit nennen, auslösen – und zwar grundsätzlich auslösen. Nun können Reaktionen, die wir in Tierversuchen beobachten, nicht analog auf den Menschen übertragen werden. Dies liegt nicht zuletzt an der  genetisch festgelegten Ausrüstung des menschlichen Organismus, der sich ununterbrochen mit Fremdsubstanzen aus seiner Umwelt auseinanderzusetzen hat. Im Rahmen seiner Evolution hat der Mensch über Jahrtausende hin Fähigkeiten erworben, Fremdes zu erkennen und es im Sinne einer Bioverträglichkeit zu behandeln, worunter auch die Ausbildung einer Toleranz gegenüber dem Fremden zu deuten ist. Toleranz ist in unserem, hier angesprochenen Sinne, die „folgenloseste“ kalte Bioreaktion auf eine Fremdsubstanz.

Werden die Kriterien der Biokompatibilität gesetzlich geregelt?

Werkstoffe müssen nach dem Medizinproduktegesetz (MPG) auf ihre Bioverträglichkeit hin geprüft werden. Im Rahmen nationaler und europäischer Normen sind Prüfregime vorgeschrieben, die quantifizierbar und in Zahlen dokumentiert Hinweise auf die mögliche Verträglichkeit und Unverträglichkeit dieser Substanzen geben. Dass hier noch Lücken klaffen zwischen der Deutung der Tests und der tatsächlichen Bioverträglichkeit der Stoffe im lebenden menschlichen Organismus, liegt an der Differenziertheit der individuellen biologischen Prozesse und eben der individuellen Toleranz, auf Fremdsubstanzen nicht krankhaft zu reagieren.

Was können Sie also Ihren Patienten empfehlen, die nach Biolegierung fragen?

Wie bereits oben aufgeführt, ist hier die Biokompatibilität der Legierung die richtige Wortwahl.

Es ist sehr wichtig mit den Patienten über die Bestandteile der Werkstoffe zu reden. Denn so lassen sich unangenehme Folgeschäden vermeiden. Zum Beispiel können Allergietests aufzeigen, ob die Bestandteile für das Individuum kritisch sein können. Allerdings haben diese Allergietests, die in der Regel auf der Haut durchgeführt werden, nur eine beschränkte Aussagekraft für das Geschehen in  der Mundhöhle.…

Zum anderen spielt hier auch Ihre langjährige Erfahrung mit den Dentallegierungen eine große Rolle. Mit welchen Dentallegierungen haben Sie bereits gute Erfahrung sammeln können? Welche würden Sie selbst empfehlen?

In der Praxis hat sich gezeigt, dass hochgoldhaltige Edelmetalllegierungen mit ihren hervorragenden Korrosionswerten die optimale Versorgungsform darstellen.

Korrosion ist die Reaktion eines Werkstoffes mit seiner Umgebung, die eine messbare Veränderung des Werkstoffs bewirkt. Ein Beispiel dafür ist das Rosten von Eisen. Bei korrosiven Prozessen gehen Bestandteile des Werkstoffes in Lösung und können zu den obengenannten Reaktionen im Organismus führen. Deshalb ist eine korrosionsstabile Legierung wünschenswert.

Hochgoldhaltige Edelmetalllegierungen bieten genau diesen Vorteil der hohen Korrosionstabilität. Vor allem Legierungen mit einem gewissen Anteil an Palladium schneiden hierbei besonders gut ab. Näheres zum Thema Palladium in Dentallegierungen erfahren Sie in unserem nächsten Beitrag.

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